Gruppe 8. Mai Bielefeld
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Wärmelnde Volksgenossen
Eiskalte Antisemiten

Flugblatt anläßlich einer von Studenten- und Arbeiterorganisationen organisierten "Demo gegen soziale Kälte" am 6. Dezember 2006 in Bielefeld. Zur Mobilisierung benutzten die Organisatoren dieses antisemitische Motiv:

 

Unser Flugblatt mit Karikaturen zum Vergleich als Word-Dokument:



„Blindheit erfaßt alles, weil sie nichts begreift.“*

Daran hat sich, daran wird sich nie etwas ändern: Wenn die Deutschen die „soziale Frage“ stellen, haben sie die Antwort längst parat und den Schuldigen schon im Visier: es ist der kalt kalkulierende Manager, der kein Mitleid mit seinen Arbeitern kennt, der geldgeile Börsianer, der ganze Nationen in den Ruin treibt, der korrupte Politiker, der sein Volk verrät, der Egoist, Neocon, Zionist; man schreit „haltet den Dieb! und zeigt auf den Juden“*. Nur daß sie es heute meist noch nicht wieder wagen, ihn offen bei seinem Namen zu rufen. So zeichnen sie ihr Feindbild noch nach dem selben Muster wie die Nazis, sehen dabei aber schlitzohrig von der Hakennase ab, nennen ihn bloß „Kapitalist“ und wettern wie einst Gregor Strasser gegen die Vorherrschaft „kapitalistischer Riesenunternehmungen und Konzerne“, die „kapitalistische Presse“ und „neunmalkluge kapitalistische Wirtschaftspolitiker“, die nicht das Zeug dazu hätten, wie der Führer, Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise mit einem gewaltigen Ruck zu beseitigen.

Aber egal welchen Namen sie ihm geben, egal in welcher Tiergestalt der Feind auch erscheint – ob als maßlos gefräßige Heuschrecke, als blutsaugende amerikanische Mücke, als Affe und Schwein, wie bei den Islamisten, als Ratte, wie bei den Nazis, oder als fast harmlos daherkommendes Eisbärchen, wie bei den Studis – es ist doch immer der selbe Sündenbock, der für das selbstverschuldete Unglück stellvertretend zur Rechenschaft gezogen werden soll – der Jude: „Er ist in der Tat der Sündenbock, nicht bloß für einzelne Manöver und Machinationen, sondern in dem umfassenden Sinn, daß ihm das ökonomische Unrecht der ganzen Klasse aufgebürdet wird“*.

Da gerade das Prekariat, die Klasse der ökonomisch wie intellektuell Unterbemittelten, das die kapitalistische Produktion so systematisch hervorbringt wie den Ramsch, auf den sie sich an Heiligabend und beim Sommerschlußverkauf gierig stürzen, nicht begreifen kann, was es zu diesem elenden, rasenden Mob gemacht hat, haben sie schon jede Hoffnung auf ein besseres Leben drangegeben. Sie schimpfen wegen zu hohen Studiengebühren und zu geringem Arbeitslosengeld, schwadronieren über die allgemeine Ungerechtigkeit, aber ihr „Protest“ führt immer nur zum selben Schluß: zu blankem Neid und blinder Wut auf die, die dabei besser weggekommen sind. Den Glauben an die Vernunft und eine Gesellschaft ohne Herrschaft und Ausbeutung haben sie schon lange verloren. Sie ahnen, wie sehr sie selbst dafür verantwortlich sind, aber zugleich ihre Unfähigkeit, es zu begreifen oder zu verändern. So warten sie nur noch auf den „starken Mann“, der es für sie richten soll. Frustriert von zu vielen leeren Versprechungen, an die sie kindisch geglaubt haben, wollen sie nur noch eins: daß der Führer das Objekt an sie ausliefert, an dem sie ihren grenzenlosen Selbsthaß abreagieren können. Denn die Gefolgschaft, „die weder ökonomisch noch sexuell auf ihre Kosten kommt, haßt ohne Ende; sie will keine Entspannung dulden, weil sie keine Erfüllung kennt. So ist es in der Tat eine Art dynamischer Idealismus, der die organisierten Raubmörder beseelt“.*

Nachdem am 30. November 1989 Alfred Herrhausen, der damalige Chef der Deutschen Bank, auf seinem Weg zur Arbeit durch eine Bombe der RAF getötet wurde, parolierte die „Radikale Linke“ auf ihren Demonstrationen, die zu dieser Zeit noch mehrere zehntausende Teilnehmer zählen konnten, frohlockend: „Wer das Geld hat, hat die Macht, bis es unterm Auto kracht“. Der Linksterrorismus hat sich inzwischen erledigt, aber die Mordlust, die dem linken wie dem rechten Sozialismus innewohnt, hat in Deutschland noch Zukunft.

* Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Elemente des Antisemitismus

Gruppe 8. Mai Bielefeld