Der Iran und die Bombe - weicht Europa zurück?
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Vortrag und Diskussion mit Dr. Matthias Küntzel |
Dienstag, 9. Mai 2006, 20 Uhr Volkshochschule Bielefeld |
„„Haben die Deutschen tatsächlich aus der Geschichte gelernt? Hatte man nicht auch 1933 gehofft, dass ein derart verrückter Führer binnen kürzester Frist wieder von der Bühne abtritt? Hatte man sich nicht damals schon geweigert, das, was in den Ohren vernünftiger Menschen einfach nur verrückt klingt, ernst zu nehmen? Hatte man nicht selbst 1937 noch gehofft, das bedrohliche Deutsche Reich durch Entgegenkommen zu beschwichtigen und zu zähmen? Nur eine verschwindende Minderheit wusste damals, was Stefan Zweig kurz vor seinem Selbstmord notierte, nämlich ‚dass das Ungeheuerlichste als selbstverständlich zu erwarten war.’ ... Das Ungeheuerlichste aber trägt ein immer neues Gesicht. ... Ein Land aber, das den Wahnsinn – jenseits jeglicher vorstellbarer Norm – als Regierungspolitik praktiziert, hat sich aus der Gemeinschaft, die man die ‚Vereinten Nationen’ nennt, herauskatapultiert.“
Veranstalter:
Deutsch-Israelische Gesellschaft AG Bielefeld und Gruppe 8. Mai Bielefeld
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Matthias Küntzel bei der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Berlin Dr. Matthias Küntzel und Dr. Wahied Wahdat-Hagh sprachen am 27. Februar im Pressezentrum am Reichstagsufer zum Thema "Holocaust-Leugnung, Israelvernichtung und Judenhass - Ahmadinejad und die deutsche Reaktion" |
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Die Texte von Matthias Küntzel auf seiner Website Soeben haben Sie einen besonderen Bücherschrank der globalen Digital-Bibliothek geöffnet: Hier habe ich meine alten und neuen Texte über Antisemitismus, Islamismus und den Nahostkonflikt sowie über die deutsche Außen- und Vergangenheitspolitik archiviert. Sie dürfen sie online gerne weiterverbreiten. Ich freue mich über Ihre Fragen und über Ihre Kritik... |
Vom „Negerkuß“ zum Völkermord – nur ein kleiner Schritt?!
Flugblatt der Gruppe 8. Mai Bielefeld anläßlich des 61. Jahrestags der Kapitulation Nazi-Deutschlands
„Wir Deutsche sind in unserem Bemühen, Schuld abzutragen, immer wieder in die Freundschaftsfalle Israel hineingetapst... Die Lehre aus dem, was wir Deutschen der Welt angetan haben: Es gibt kein privile-giertes Volk. Kein Volk darf einem anderen Volk Unrecht antun. Mir sind die Mißhandlungen, denen die Palästinenser durch den Staat Israel aus-gesetzt sind, nicht gleichgültig. Und wir Deutschen dürfen niemandem mehr sklavisch folgen.“ (Rupert Neudeck)
Einundsechzig Jahre nach dem 2. Weltkrieg und dem Holocaust zäh-len die Deutschen sich zu jenen aufgeklärten Völkern, welche jede Form von Rassismus, Faschismus, Sexismus, Diskriminierung, Intoleranz, Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt kompromißlos verabscheuen und bekämpfen. Die vollständige militärische Niederlage und anschlie-ßende Besetzung durch die Truppen der Anti-Hitler-Koalition, Vorausset-zung für die Umerziehung der Deutschen, hat offensichtlich etwas ge-bracht. Nachdem die Generation der Täter beinahe ausgestorben ist, haben die Deutschen ihre Vergangenheit endlich bewältigt. Aus Hitlers willigen Vollstreckern ist schließlich ein Volk von Antifaschisten gewor-den, das der Welt als Vorbild dafür dienen kann, wie die Menschheit in Frieden und Gerechtigkeit zusammen leben könnte, wenn sie nur eben-so gründlich aus der Geschichte zu lernen bereit wäre.
Die Deutschen haben etwas aus ihrer Nazi-Vergangenheit gelernt. Aber was genau haben sie gelernt? Eben daß jede Form von Rassis-mus, Faschismus, Sexismus usw. zu verabscheuen und zu bekämpfen ist. Jede Form, auch die scheinbar harmlose, nur erst verbale, noch nicht gewalttätige. Ein Deutscher sagt nicht „Negerkuß“ oder „Mohrenkopf“. Wer so redet, ist ein Rassist, auch wenn es hier nur um einen Haufen Süßschaum mit Schokoladenguß zu gehen scheint. Denn den Worten könnten Taten folgen. Das verächtliche Reden könnte der Vorbote eines neuen Völkermords sein, wie damals in Deutschland. Und die Deutschen haben gelernt: Wehret den Anfängen! Auch Hühner leiden bei nicht-artgerechter Haltung und dürfen daher nicht in ein „KZ“ gesperrt werden. Die Deutschen haben ein besonderes Feingefühl dafür entwickelt, jede, auch die unscheinbarste Regung von Rassismus zu erkennen, anzuprangern und zu unterdrücken. Jede Form bedeutet dann auch, nicht nur die Vernichtung der europäischen Juden durch die Deutschen zu verurteilen, den Holocaust, sondern jeden Völ-kermord: den an den Indianern genauso wie den an den Armeniern oder den Muslimen in Bosnien. Die Deutschen haben dabei also hauptsäch-lich 2 Dinge gelernt:
1. Zwischen dem Gebrauch des Wortes „Negerkuß“ und dem Betrei-ben einer Gaskammer zur Vernichtung von Menschen besteht nur ein gradueller, kein wesentlicher Unterschied;
2. Nicht nur die Deutschen haben eine „dunkle“ Vergangenheit, son-dern alle anderen Völker auch; und nicht nur die Juden haben gelitten, sondern alle anderen Völker auch – nicht zuletzt die Deutschen selbst: Stalingrad, Dresden, Schlesien, Honecker. Wer das bestreitet, wer im-mer nur von den Deutschen als Tätern und den Juden als Opfern reden will, dem kann unterstellt werden, daß er lediglich von seinen eigenen Untaten ablenken will.
Die Deutschen haben also aus ihrer Nazi-Vergangenheit gelernt, daß sie ein ganz normales Volk sind, so gut und schlecht wie jedes andere auf der Welt. Dennoch ist an der deutschen Geschichte etwas Besonde-res, etwas irgendwie Unfaßbares und Abgründiges. Das Besondere ihrer Geschichte liegt jedoch nicht allein im kollektiv begangenen industriellen Massenmord, sondern vor allen Dingen in dessen umfassender Bewälti-gung und Aufarbeitung. Die Deutschen haben gelernt, ihre Sünden zu-zugeben. Andere Völker (USA, die Kolonialmächte) haben ihre Leichen jedoch noch im Keller und zeigen keinerlei Bereitschaft, es den Deut-schen gleich zu tun. Die deutsche Geschichtsbewältigung gemahnt die Deutschen auch von anderen Völkern Gleiches zu verlangen. Wie sonst könnte die kranke Welt (am deutschen Wesen) genesen. Und das errei-chen die Deutschen eben durch ihren Protest gegen jede Form von Ras-sismus, nicht nur gegen irgendeine spezielle und zudem vergangene. Die Deutschen sind daher ein ganz normales Volk wie jedes andere, mit der einzigen Besonderheit, in Folge ihrer besonderen Geschichte eine besondere Sensibilität für alle Gemeinheiten dieser Welt herausge-bildet zu haben. Daß die Deutschen viel aus der Geschichte gelernt haben, kann also nicht bezweifelt werden. Ebenso außer Frage steht aber, daß sie dabei nichts über sich, über die tatsächliche Besonderheit ihrer eigenen Ge-schichte, nämlich ihren Antisemitismus gelernt haben. So wie sie jede Form von Rassismus mit jeder anderen Form desselben gleichsetzen, so gilt ihnen auch der Antisemitismus nur als eine weitere Spielart von Ras-sismus, Diskriminierung oder Intoleranz. Da sie auf diese Weise den Antisemitismus, d.h. sich selbst nicht verstehen können, existiert er für sie gar nicht. Auf diesem Auge sind die Deutschen blind. Wenn sie in die Welt hinausblicken, z.B. in den Mittle-ren Osten, dem gegenwärtigen Schwerpunkt des Antisemitismus, erblik-ken sie Diskriminierung und Gewalt überall und in jeder Form, aber kei-nen Antisemitismus. Denn Antisemitismus verstehen sie nicht.
Dafür verstehen die Deutschen die Antisemiten um so besser. Z.B. wenn sie für einen „Dialog“ mit der antisemitischen Terrororganisation Hamas werben. Dann argumentieren sie, die Palästinenser seien den israelischen Streitkräften hoffnungslos unterlegen, und der Selbstmord-terror sei deshalb ihre einzige wirkungsvolle, folglich legitime Waffe. Sie verweisen auf das Elend in den palästinensischen Autonomiegebieten, für das die israelische Besatzungspolitik verantwortlich sei. Ist es da nicht verständlich, daß die Hamas, wie der iranische Präsident, Israel von der Landkarte radieren will? Bei diesem Verstehen geht es um Ver-ständnis, um das Sammeln von Argumenten, die geeignet sind, den is-lamischen Antisemitismus zu rechtfertigen. Nicht nur Oscar Lafontaine und die Friedensbewegung argumentie-ren, weil Israel Atomwaffen habe, sei es nur allzu verständlich, daß Iran auch welche wolle. Der deutsche Außenminister benutzte das Argument schon vor Jahren zur Rechtfertigung der europäischen Beschwichti-gungsdiplomatie. Ende Oktober 2003 flog Joschka Fischer, den briti-schen und französischen Außenminister im Schlepptau, nach Teheran, um zu verhindern, daß die Atom-Akte des Gottesstaates schon damals an den UN-Sicherheitsrat verwiesen wurde. In einer gemeinsamen Erklä-rung bescheinigten sie dem Regime, daß sein Atomprogramm nur friedli-chen Zwecken diene. Das Dokument lieferte aber auch die Rechtferti-gung für eine iranische Atombombe. Europa werde, wird dort erklärt, ausgerechnet „mit Iran zur Förderung von Sicherheit und Stabilität in der Region zusammenarbeiten“ und dabei eine „Zone im Nahen Osten“ schaffen, die „frei von Massenvernichtungswaffen ist“. Wenn Iran auf Atomwaffen verzichten soll, muß auch Israel darauf verzichten. Umkehr-schluß: Wenn Israel nicht verzichtet, dann braucht auch Iran nicht. Wenn Diskriminierung in jeder Form abzulehnen ist, kann auch Israel keine „Sonderbehandlung“ beanspruchen. Die Palästinenser sind arm und schwach, Israel ist reich und stark. Die Deutschen stehen heute auf der Seite der Schwachen, der Opfer. Die alliierte militärische Überlegen-heit, die sie einmal selbst erlebt haben, steckt ihnen noch in den Kno-chen. Aber die Juden haben auch etwas, aber etwas anderes aus der Geschichte gelernt. Wehret den Anfängen!